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Interview zur Restauration der Fürstengruft in Mirow
Mirow. Dr. Regina Ströbl ist 45 Jahre alt. Sie hat in Lübeck, Göttingen und Kiel Ur- und Frühgeschichte, Kunstgeschichte und Skandinavistik studiert. Ihre Promotion hat sie über die Grabgewandung eines Bischofs aus dem 11. Jahrhundert geschrieben. Seit dem Jahr 2003 ist sie am Schweriner Landesamt für Kultur und Denkmalpflege für das Projekt "Wolgast-Schwerin- Mirow - die drei großen Herzogsgrüfte in Mecklenburg- Vorpommern" tätig.
An der Nordseite der Kirche "unter Tage" wurden vermutlich seit dem 17. Jahrhundert, eventuell auch schon früher Angehörige des Fürstenhauses bestattet. Seit 1541, nach dem Tod des letzten "echten" Komturherrn Liborius von Bredow, bestimmten die Herzöge die Komturherren. Da liegt es nahe, dass sie auch dort bestattet wurden.
Die Grufträume waren vorher wohl auch durch die Johanniter benutzt worden. Irgendwann gab es weiteren Bestattungsbedarf. Der erste Raum der Gruft, der vordere, kleinere, entstand 1704. Wenn man darin steht, kann man rechts durch die Glasluke den ersten der unteren sehen. Der obere große Raum wurde 1819 angebaut. Genau darunter liegt der "verschlossene" Teil der Gruft, der jetzt zugemauert ist. Er soll exakt so groß sein. Das scheint auch nicht ungewöhnlich, schließlich gab es schon eine Menge Bestattungen und man ging ja auch davon aus, dass alles ewig so weitergeht und man auch in Zukunft viel Platz für die verstorbenen Familienmitglieder benötigen würde.Die Gruft der Herzöge von Mecklenburg-Strelitz wird seit Ende der 90er Jahre Stück für Stück saniert. Der obere Raum, der direkt durch die Kirche zugänglich ist, wurde erst vor wenigen Jahren wieder öffentlich gemacht. Dabei wurde der Raum mit den Särgen durch eine Glaswand von dem vorderen Gruftraum getrennt.
Die Fürstengruft der Herzöge von Mecklenburg-Strelitz in der Mirower Johanniterkirche ist wieder öffentlich zugänglich.
Sie haben 21 Särge aus der Fürstengruft der Herzöge von Mecklenburg-Strelitz untersucht. Gab es ein spezielles Auswahlkriterium, da sich in der Gruft ja noch mehr Särge befinden?
In den vier zugänglichen Räumen der Gruft - zwei untere, von außen begehbar, und die beiden oberen, vom Innenraum der Kirche erreichbar - befinden sich noch 29 Särge, wenn man den halben Kindersarg unten dazuzählt. Drei davon sind leer, bleiben 26 Bestattungen, davon fünf in den unteren Räumen, die ich nicht bearbeitet habe. Mein Auftrag bezog sich nur auf die oberen Räume. Dort befand sich im vorderen Raum der Zinnsarg von Johanna von Sachsen-Gotha (leer), der nun auch im zweiten Raum steht. Im großen Raum oben standen 21 Särge. Für die Dokumentation sollten alle geöffnet und bearbeitet werden, sofern dies möglich war. In der Praxis ergab es sich anders: Sechs Särge waren so stark beschädigt, dass sie vollständig geöffnet und dokumentiert werden konnten. Bei fünf Särgen waren die Deckel beschädigt, so dass man die Bestattungen sehen und beschreiben konnte. Die Löcher waren allerdings so klein, dass eine Öffnung des Sarges mehr Schaden als Sinn ergab und ich es dabei beließ. Bei den zehn restlichen Särgen waren entweder der Außen- oder der Innensarg unbeschädigt und fest verschlossen. Sie sind nicht extra für diese Dokumentation geöffnet worden.
In welchem Zustand haben Sie die Särge vorgefunden?
Der oben beschriebene Zustand bezieht sich auf die Situation, die ich im Jahre 2009 vorgefunden habe. Die Beschädigungen waren geringer als erwartet. Ich weiß aber aus vielen Erzählungen von Mirower Bürgern, dass es bis vor ein paar Jahren noch ganz anders in der Gruft aussah. Dort lagen aus den Särgen gerissene Gebeine, Textilien und zerstörte Särge bzw. Teile davon in der Gruft umher. Diese Schäden wurden aufgeräumt und die Gebeine bestattet. Die Sargteile, vor allem Beschläge und Griffe, hat man aufgesammelt und aufbewahrt. Die von mir untersuchten Särge waren davon nur in wenigen Fällen betroffen. Allerdings standen sie damals nicht so wie heute, einige von ihnen waren zur Zeit der Zerstörung offenbar geschützt und nicht zugänglich.
Waren Särge auch ausgeraubt worden?
Man hat in den Särgen sicher nach verwertbaren Dingen gesucht. Die eben beschriebenen Zerstörungen spiegeln auch Vandalismus wider. Aber man suchte überwiegend gezielt nach Schmuck. Dafür schlug man bei einigen Särgen lediglich im Oberkörperbereich ein Loch in den Deckel, so konnte man Kopf, Brust und Hände des/der Toten sehen und nach Ohrringen, Ketten, Broschen, Orden, Uhren und Ringen sehen. Da die Verstorbenen aber ohne alle diese Dinge bestattet worden waren, hat man auch nicht weiter gesucht und die Zerstörungen sind relativ gering. In einem Fall fehlt nur die Uniformjacke aus Wollfilz und das Elend muss schon sehr groß gewesen sein, wenn man einem längst Verstorbenen die im Grab getragene Jacke wegnimmt, um sich selbst zu wärmen. Allerdings kann in diesem Fall auch eine "Mutprobe" nicht ausgeschlossen werden.
Stammen die Schäden ausschließlich aus der Zeit nach dem Ende des 2. Weltkriegs?
Überwiegend ja, aber die Glastür zum großen Gruftraum gibt es erst seit ein paar Jahren, vorher stand alles offen. Man konnte zwischen den Särgen herumgehen und sicher hat der eine oder andere mal hinein geguckt, ob noch etwas zu holen ist. Im Sarg der Herzogin Friederike, Mutter von Königin Luise, lag eine Packung Kaugummi. Schlimmer sind jedoch die Schäden an den Särgen, die sicher Souvenirjägern zu "verdanken" sind, nach dem Motto " Es merkt ja keiner, wenn man sich mal ein Stück Stoff abreißt oder ein Stück der Krone vom Sargdeckel bricht". Gerade bei den Kronen ist der Verlust enorm und die restaurierte und in einigen Teilen ergänzte Krone auf dem Sarg der Königinmutter gibt einen Eindruck davon, wie prachtvoll es ausgesehen haben muss, als dieses Würdezeichen noch auf allen Särgen vorhanden war. Soweit ich es erfahren habe, ist dieser Zustand noch gar nicht so lange her.
Was ist bei der Untersuchung der Särge geschehen?
Nach Öffnung des Sarges wurde die vorgefundene Situation umfangreich dokumentiert. Das umfasst eine ausführliche, schriftliche Beschreibung der gesamten Bestattung, eine Zeichnung des Zustands im Maßstab 1:1 sowie eine detaillierte Fotodokumentation. Anschließend wurden einige wenige Proben zur Analyse im Labor entnommen. Sie sind danach wieder in den Sarg zurückgelegt worden.
Wie bleibt die Ruhe der Toten auch bei einer solchen Untersuchung ungestört?
Bei allem wissenschaftlichen Interesse steht der Respekt vor dem Bestatteten an erster Stelle. Ungestörte, verschlossene Särge wurden nicht geöffnet. In der Mirower Gruft sind die klimatischen Verhältnisse glücklicherweise sehr gut, so dass es keine Beschädigungen der Särge durch Feuchtigkeit und Schimmel gibt. Dadurch waren auch die Innensärge diesbezüglich unbeschädigt und brauchten nicht restauriert zu werden. So mussten die Toten nicht umgebettet werden. Meine Arbeiten finden grundsätzlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, ich arbeite immer alleine. Entsprechend werden auch keine Bilder der Verstorbenen, insbesondere ihrer Gesichter veröffentlicht. Man kann davon ausgehen, dass die Herzöge nach ihrem Tod nicht betrachtet werden wollten. Weshalb hätten sie sich sonst in doppelten Särgen bestatten lassen? Ich glaube, kaum jemand von uns würde das für sich wollen; also haben wir auch nicht das Recht, andere gegen ihren Wunsch öffentlich auszustellen. Das gilt auch für den allseits bekannten "Dörchläuchting", Adolph Friedrich IV., der ja noch bis vor kurzem durch eine Glasscheibe zu betrachten war. Man kann nicht Totenruhe fordern, die Toten aber dann zur Schau stellen.
Konnten Sie besondere Entdeckungen machen?
Es ist nach der Wolgaster und der Schweriner Schelfkirche die dritte Herzogsgruft, die ich in Mecklenburg-Vorpommern bearbeite. An jedem Platz gibt es Besonderheiten, die einzigartig sind. Das geht schon mit den unterschiedlichen, ganz individuellen Särgen los. In Mirow gibt es zum Beispiel ab dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts eine bestimmte Form und einen Griffbeschlagtyp, der bis 1933 nahezu unverändert tradiert wird. Die Särge variieren nur in der Größe und in der Farbe des Samtbezuges, es gibt schwarz, blau und dunkelgrün. Die älteren Särge unterscheiden sich deutlich und zeigen womöglich Einflüsse aus England. Dorthin gab es ja familiäre Beziehungen ebenso wie nach Russland. Auch diese spiegeln sich in einigen Sargformen wieder. In Mirow sind die Herzöge im Gegensatz zu Wolgast und Schwerin in Uniform mit Schuhen bestattet, die Schweriner Verwandtschaft hingegen eher in Morgentoilette und Strümpfen. Besonders bemerkenswert, weil auch in den anderen beiden Grüften nicht beobachtet, sind die Beigaben von Eichen- und Olivenlaubkränzen sowie Palmenwedeln.
Was ist aus Ihrer Sicht an den Untersuchungsergebnissen außerdem besonders wertvoll?
Die Forschungen zur Sepulkralkultur der Neuzeit stehen noch am Anfang. Leider werden bis heute Gruftinventare in Kirchen, auf Friedhöfen, in Schlössern und Gutshöfen häufig einfach beseitigt, weil man den Raum angeblich dringend anderweitig benötigt, es keine Verwandten mehr gibt oder die Särge gestört sind. Sie gehen also unrettbar verloren, meist sogar noch heimlich. Auch Gräber und Grüfte sind ein Teil unserer Kultur und man mag gar nicht darüber nachdenken, was alles auf diesem Weg bereits verloren ist.Dass es auch anders geht, sieht man an den erwähnten Beispielen. Für die Restaurierung der Wolgaster Gruft haben wir in diesem Jahr sogar den internationalen Europa Nostra Preis gewonnen. Durch diese Arbeit erfahren wir enorm viel über die Kultur- und Geistesgeschichte. Ich bin durch die Arbeiten an den drei Grüften in der glücklichen Lage, einen Überblick über die Geschichte der herzoglichen Sepulkralkultur in diesem Teil Norddeutschlands fast durchgehend von 1560 bis 1914 gewonnen zu haben. Diese Kontinuität macht die Untersuchungen natürlich besonders wertvoll. Ich bin auch allen Geldgebern dankbar für die Förderung dieser Arbeiten. Damit wurde unendlich viel erreicht: Die Totenruhe und Würde wurde wiederhergestellt; umfangreiche, wertvollste Erkenntnisse konnten gewonnen werden, Geschichte wurde erhalten. Sollen noch mehr Särge untersucht werden? Die archäologischen Arbeiten im oberen Raum sind abgeschlossen, ob dort noch weitere Särge restauriert werden sollen, weiß ich nicht. Bedarf wäre sicherlich da. Wichtig ist jetzt, dass der Status gehalten wird, also Denkmalpflege im wahrsten Sinne, Klimakontrolle, Sauberkeit etc., damit das Erreichte dauerhaft erhalten bleibt.
Mit Dr.Regina Ströbl, die maßgeblichen Anteil an der Restaurierung hatte, sprach Marlies Steffen.
Quelle: Nordkurier vom 21.08.2010




