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Chronik über die turbulente Wendezeit
Das ist aber schon eine Weile her, war in der turbulenten Wendezeit, noch vor der Währungsunion. Die Abgeordneten hatten beschlossen, dass ein Quadratmeter Grund und Boden in der Innenstadt zwei DDR-Mark kostet, außerhalb wurde der Preis auf 1,50 Mark festgelegt. „Viele Leute kauften fleißig und beschimpften uns, weil der Preis ihnen viel zu teuer erschien“, erinnert sich Horst Rißmann (FDP), erster Nachwende-Bürgermeister der Stadt. Solche und noch viel mehr Erinnerungen an die Zeit der Wende und danach sind in der jetzt fertig gestellten „Chronik der Kommunalpolitik seit 1990“ nachzulesen. Verfasst hat das 430 Seiten zählende Werk, das auf Computer gespeichert im Amt Mecklenburgische Kleinseenplatte vorliegt, Arno Pohlmann. Er war von 1990 bis 2006 Stadtvertreter. „Bis auf ein Protokoll hatte ich alle Unterlagen von allen Stadtvertretersitzungen zu Hause, so dass ich mich an die Arbeit machen konnte, als Manfred Schröder von der Verwaltung so eine Art Chronik anregte“, beschreibt er bescheiden den großen Arbeitsberg, den er bewältigte.
Horst Rißmann erinnert daran, dass die erste Wahlperiode in der Wendezeit und danach sehr turbulent war. Jeder wollte seine Meinung durchsetzen. Aber: „Stuhlbeine brauchten wir nicht. In letzter Konsequenz haben wir im Sinne der Entwicklung von Wesenberg immer Kompromisse gefunden. Und das sieht man der Stadt auch an“, unterstreicht Horst Rißmann. Im Sitzungssaal im Rathaus hängt ein großes Luftbild von der Stadt, das kurz nach der Wende aufgenommen wurde. Wenn man es sich ansehe und mit dem heutigen Zustand der Stadt vergleicht, ist der Entwicklungssprung, den Wesenberg schaffte, augenscheinlich.
Blütenträume hat es auch gegeben, in der Zeit, in der viele Menschen alles für möglich hielten. So bestand der Wunsch, die Turnhalle so umzubauen, dass sich unten drunter ein großes Schwimmbad befindet, das man mit Rollboden schließen kann, wenn die Turnhalle genutzt werden soll…
Die erste Stadtvertretung von Wesenberg übernahm viel DDR-Erbe, das richtig kostete, erzählt Horste Rißmann. So zum Beispiel zwei Wohnblöcke in der Lindenstraße, die von einer Gesellschaftsordnung in die nächste wuchsen. 60 Wohnungen konnten übergeben werden – und es gab immer noch 90 offene Wohnungsanträge. Eine Tragödie war die Holzindustrie. „Die Furnierherstellung hätte weitergehen können, wir schlugen einen neuen Standort in der Nähe der Nerzfarm vor. Aber das wollte die Vereinigung Volkseigener Betriebe, die in Leipzig saß, nicht. Die Fördermittel gingen nach Ribnitz-Damgarten, das Werk dort ist auch längst dicht“, blickt Horst Rißmann auf dieses düstere Kapitel, dem 400 Arbeitsplätze zum Opfer fielen, zurück. Wesenberg hatte nur die Schulden und musste umgerechnet 500 000 Euro zur Entsorgung der Industriebrache investieren.
Die Chronik soll so überarbeitet werden, dass sie in der Öffentlichkeit verwendet werden kann. Dazu müssten jedoch die persönlichen Sachen raus, blickt der heutige Bürgermeister Helmut Hamp nach vorn, damit es 20 Jahre nach der Wende einen interessanten Blick zurück geben könne. „Ich halte es für sehr wichtig, dass die Chronik zum Beispiel in den Schulen verwendet wird. Für Kinder und junge Leute ist die Wendezeit, die unser Leben grundlegend veränderte, Geschichte“, betont Helmut Hamp.
Quelle: Nordkurier vom 21.03.2009




